Ausgangslage, Problemfelder und Ziele

Ausgangssituation
Florierende Gewerbegebiete an der Schiene, trotzdem viel Verkehr

Die Stadt Burgwedel ist eine wohlsituierte Stadt in der niedersächsischen Region Hannover. Dies manifestiert sich an vielen Zahlen: Die Arbeitslosenquote für Burgwedel lag 2019 bei nur 3,7 % und auch die Kaufkraft der Menschen vor Ort ist überdurchschnittlich hoch (Kaufkraftindex pro EW 124,8, Durchschnitt Region Hannover 103,1, Region Hannover 2019a).

Außerdem gilt Burgwedel als Einpendler-Stadt – einer der Hauptgründe des enorm hohen Verkehrsaufkommens. 2019 pendelten 7.649 Arbeitskräfte ein und auch 5.346 Burgwedeler in andere Gemeinden aus (Region Hannover 2020). Grund für diese hohen Pendelraten ist die große Anzahl an Unternehmen im Stadtgebiet: In den Ortschaften Großburgwedel, Kleinburgwedel und Fuhrberg bestehen drei große Gewerbegebiete. Mit einem Arbeitsplatzbesatz von 1,152 arbeiten also viele Menschen im Stadtgebiet Burgwedel ohne dort zu wohnen (Region Hannover 2019a).

Trotz des Titels „Stadt“ (seit 2003) wird Burgwedel (20.742 EW) dabei eher als „großes Dorf“ gelebt, insbesondere in den sieben zu Burgwedel gehörigen umliegenden Ortschaften. Die Kernstadt Großburgwedel ist raumplanerisch als Mittelzentrum mit einem Versorgungskern eingestuft. In der Region wird Großburgwedel sowohl eine Schwerpunktaufgabe zur Sicherung und Entwicklung von Wohnstätten als auch von Arbeitsstätten zugewiesen (RROP 2016).

Burgwedel liegt in einem Verkehrsdreieck umrahmt von der Bundesautobahn 7 sowie den Bundestraßen 3 und 214. Zudem verlaufen die Landstraßen 381 und 383 durch Großburgwedel, so dass sich die Ortschaft durch seine herausragende straßenverkehrliche Lage auszeichnet und sehr gut sowohl an das regionale als auch an das überregionale Verkehrsnetz angebunden ist. Darüber hinaus verfügt Großburgwedel über einen Bahnhof direkt an der Bahnstrecke Hannover-Hamburg, die von der Metronom Eisenbahngesellschaft im Stundentakt mit Halt in Großburgwedel bedient wird. Der dominante PKW-Verkehr wird ebenfalls im Modal Split deutlich, 66% der gesamten Verkehrswege werden mit dem Auto zurückgelegt (eigene Berechnung, MiD Daten 2017).

20742
Einwohner:innen
5346
Auspendeln:innen
7649
Einpendler:innen
7
Ortsteile
Problemstellung
Gute Anbindung, starke Unternehmen, viele Pendelnde, hohe Mieten - viel Verkehr
#1 Starkes Verkehrsaufkommen aufgrund guter Anbindung und Siedlungsstruktur

Die Stadt Burgwedel kennzeichnet heute eine überdurchschnittliche straßenverkehrliche Erreichbarkeit. Der nächste Autobahnanschluss Großburgwedels zur Bundesautobahn 7 als Nord-Süd-Verbindung liegt mit der Anschlussstelle 54 (Großburgwedel) nah am Ortskern (nur 1,5 km). Von Fuhrberg aus ist die Anschlussstelle 52 (Mellendorf) schnell erreichbar (nur 3 km). Darüber hinaus bestehen über die B3 Anbindungen an das überregionale Straßennetz. Laut ADAC Sommerstau-Bericht (2020) ist die A7 bei Großburgwedel einer der Stau-Spitzenreiter Deutschland. 

Burgwedel besteht neben der Kernstadt Großburgwedel (9.658 EW) aus den Ortsteilen Wettmar (3.371 EW), Kleinburgwedel (2.414 EW), Fuhrberg (2.160 EW), Thönse (1.496 EW), Engensen (1.479 EW) und Oldhorst (164 EW). Sie liegen jeweils 2 km bis 10 km von der Kernstadt entfernt und sind oft ländlich geprägt. Die weiteren Ortsteile sowie die städtebaulich massiven Gewerbegebiete sind fußläufig kaum erreichbar und auch nicht attraktiv mit dem Fahrrad zu erreichen. Fehlende Angebote für die Mittagspause in den Gewerbegebieten (weder Supermarkt noch Imbiss) führen dort auch am Mittag zu viel PKW-Verkehr. 

#2 Hoher Pendelverkehr durch starke Unternehmen

Die Stadt Burgwedel verfügt besonders durch ihre drei großen prosperierenden Gewerbestandorte über überdurchschnittlich viele Beschäftigte am Arbeitsort (10.010 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte am Arbeitsort bei knapp über 20.000 EW) (Region Hannover 2020).

Insgesamt besteht Burgwedel als Gewerbestandort im Sommer 2020 aus über 1.500 angemeldeten Betrieben. Zwei der drei Gewerbestandorte werden in den nächsten Jahren erweitert, teils für eine Erweiterung bestehender Betriebe, teils durch Neuansiedlung von Betrieben. Allein das Unternehmen Rossmann beschäftigt ca. 2.180 Mitarbeiter:innen im Stadtgebiet. Durch Neuansiedlungen unterschiedlicher Betriebe ist nach aktuellen Angaben bis 2023 eine Erhöhung im Gewerbegebiet Großburgwedel westliche der Autobahn (Gewerbegebiet V, VII und VIII) um ca. 400 Arbeitsplätze prognostiziert. In Kleinburgwedel wird eine Erhöhung der Anzahl an Arbeitsplätzen im niedrigen dreistelligen Bereich erwartet.

Bereits heute besteht ein sehr hoher Parkdruck auf den Grundstücken vieler Unternehmen. Dort reicht das gesetzlich vorgeschriebene Parkplatzangebot bei weitem nicht aus und wiederholt wurde in den letzten Jahren auf den Firmengrundstücken erweitert. Die meisten der parkenden Fahrzeuge im Gewerbegebiet westlich der Autobahn in Großburgwedel haben ein Hannoveraner Kennzeichen, woraus zu schließen ist, dass sie keine weiten Strecken zurücklegen.

#3 Hohes Mietniveau und schlechte ÖPNV-Vernetzung befördern Verkehrsaufkommen

Eine weitere Entwicklung in der Stadt Burgwedel verstärkt die Pendelrate bereits heute und wird zukünftig noch wichtiger: Es fehlt in Burgwedel an bezahlbarem Wohnraum. Die Region Hannover wächst stetig, gleichzeitig gibt es weniger bezahlbare Wohnungen. In den nächsten sechs Jahren müssen in der Region rund 20.000 Wohnungen neu gebaut werden (Region Hannover 2019b). In Burgwedel als Versorgungszentrum für Wohnen und Arbeit gibt es auch zukünftig einen sehr hohen Wohnungsbedarf, der nahezu alle betrachteten Zielgruppen des Wohnungsmarktes umfasst. Neben den Haushalten mit geringem Einkommen bestehen vor allem Schwierigkeiten in der Wohnraumversorgung von Haushalten mit mittlerem Einkommen (ebenda).

Trotz Anschluss an das Schienennetz, kann der ÖPNV heute ein hohes innerstädtisches Verkehrssaufkommen nicht verhindern. Im Norden Großburgwedels befindet sich der Bahnhof Großburgwedel, nur 1,5 km von Kleinburgwedel entfernt. Der Bahnhof wird auch von Pendler:innen genutzt, das Bahnhofsgebäude steht jedoch leer, derzeit steht zur Diskussion, ob die Region Hannover oder die Stadt Burgwedel dieses Gebäude erwerben können. Der Bahnhof liegt an den Bahnstrecken Hamburg-Hannover und Uelzen-Göttingen.

Als Herausforderung identifiziert ist die mangelhafte ÖPNV-Anbindung, insbesondere die fehlende Anbindung der Unternehmen und Gewerbegebiete an die Kernstadt mit dem Bahnhof. Besonders in Kleinburgwedel klagen Unternehmen, dass die öffentliche (motorisierte) Anbindung an den nur ca. 2 km entfernten Bahnhof Großburgwedel fehlt und die Angestellten daher auf den motorisierten Individualverkehr angewiesen sind. Als Problem gelten heute außerdem die geringe (stündliche) Taktung des schienengebundenen Nahverkehrs und der Buslinien sowie die periphere Lage des Bahnhofs.

Ziele
Neue Arbeitswelten mit integriertem Umweltverbund
ZIEL #1 Die Verknüpfung von der Zukunft der Arbeit und Mobilität

Bereits heute wird deutlich, dass gerade die PKW-Pendelverkehre für Burgwedel zukünftig stark zu-nehmen werden. Die Abhängigkeit vom Auto im Hinblick auf neue Arbeitsweisen und –orte zusammen mit den Möglichkeiten und Chancen der Digitalisierung ermöglichen neue Wege, diesem Problem zu begegnen. Inwiefern ermöglicht die digitalbasierte Veränderung von Arbeit (Home-Office, Co-Work-ing Spaces etc.) eine Förderung eines nachhaltigen Mobilitätssystems? Welche Optionen ergeben sich für Tätigkeiten, die vor Ort stattfinden müssen? Wie kann eine Veränderung der zukünftigen Arbeit insbesondere in Burgwedel als Beispiel der Verkehrswende in einem suburbanen Raum genutzt werden? 

ZIEL #2 Digitalbasierte Mobilitätsangebote und Umsteigeoptionen neu denken

Als zentraler Baustein hin zu einem nachhaltigen Mobilitätssystem wurden die mangelhaften Umsteigeoptionen identifiziert. Hier gilt es insbesondere auch digitalbasierte Mobilitätsangebote mitzudenken und neue Lösungen für Wegeketten auch in einzelne Ortschaften zu entwickeln. Welche digitalbasierten Mobilitätsangebote kommen in Frage, die „letzte Meile“ der Pendelnden vom Bahnhof aus attraktiv zu machen? Wie müssen diese Umsteigeorte und Wegeketten beschaffen sein, um die Bedürfnisse der Arbeitnehmer:innen zu treffen? 

ZIEL #3 Gemeinsam mit Unternehmen vor Ort und der Stadtverwaltung zukunftsfähige Lösungen entwickeln

Partizipation aller Stakeholder ist die Grundlage einer gemeinsamen Weiterentwicklung der verkehrli-chen Situation der Stadt Burgwedel. Ziel ist dabei, gerade die Unternehmen und deren Arbeitnehmer:in-nen in den Prozess zu integrieren, eine Akteursgruppe, die hohe Ansprüche an einen solchen Prozess stellt. Dies beinhaltet eben nicht nur Mobilität neu zu gestalten, sondern darüber hinaus in Burgwedel als Stadt mehr Lebensqualität anzustreben, zum Durchqueren, Verweilen und in der Mitgestaltung. Wie kann ein Beteiligungsprozess für diese unterschiedlichen Zielgruppen aussehen und wie unterscheiden sich ihre Zukunftsbilder? Lassen sich diese Erkenntnisse auf andere Städte und Gemeinden im subur-banen Raum übertragen?